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ID #1030

Handaufzucht - ja oder nein?

Handaufzucht - ja oder nein? Handaufzucht - ja oder nein?
Handaufzucht

von vogelfreund

 


Allein im Magazin "Papageien" (Ausgabe 7/2002) werden in der Beilage "Kleinanzeigen" 39 explizit als "Handaufzucht" bezeichnete Psittaciden (Amazonen = 16, Aras = 4, Kakadus = 6, Graupapageien = 13) offeriert. Bei Durchsicht entsprechender Rubriken in Tages- und Wochenzeitungen ist leicht feststellbar, dass a) eine hohe Zahl sog. "Handaufzuchten" (teilweise mit den verkaufsfördernden Attributen "zahm" oder "superzahm") angeboten wird, und b) gleichzeitig eine nicht geringe Zahl von Psittaciden (oft "umständehalber") abgegeben werden soll.

Bei Hinterfragung der Abgabegründe zu b) ist in nicht wenigen Fällen zu erfahren, dass der "Abgabevogel" als "zahme Handaufzucht" gekauft wurde, sich jedoch mit Eintritt der Geschlechtsreife als "problematisch" erwies.


Was ist unter "Handaufzucht" zu verstehen?

Die Aufzucht der Nestlinge wird nicht den Elternvögeln überlassen. Wenn nicht schon - wie vielfach praktiziert - bereits das Gelege mittels entsprechender Apparatur künstlich bebrütet wird, werden die Nestlinge entweder unmittelbar nach dem Schlupf, oder zu einem späteren Zeitpunkt der Nestlingsphase, entnommen und in einem künstlichen Medium unter Zuführung der notwendigen Wärme (Strahler) durch den Mensch mit Sonde, Pipette, Löffel oder sonstige Hilfsmittel gefüttert.


Was soll durch "Handaufzucht" erreicht werden?

Die Nestlinge und Jungvögel sollen in der sensiblen Prägungs- und Sozialisationsphase auf den Mensch (als späteren Besitzer/Käufer und "Interaktionspartner") fixiert werden. Der Käufer soll einen Vogel erhalten, der dem (Wunsch-)Bild eines zahmen, verschmusten und umgänglichen Hausgenossen entspricht.


Ist die Zielsetzung der "Handaufzucht" ethisch vertretbar?

Ohne zunächst auf die generelle Erreichbarkeit der Zielsetzung einzugehen, bleibt festzustellen, dass der angestrebte Erfolg (= Erhalt eines "zahmen" Vogels) sich vorwiegend an menschlichen Bedürfnissen orientiert. Verallgemeinernd könnte man von "egoistischen" Motiven reden. Da sowohl den Elternvögeln als auch den Jungtieren naturgegebene Entwicklungsabläufe vorenthalten (weggenommen) werden, ohne ihnen einen adäquaten Ersatz bieten zu können, handelt es sich bei der "Handaufzucht" um einen die gesamte spätere Entwicklung determinierenden und irreversiblen Eingriff. Daher ist die "Handaufzucht" (von absoluten Notfällen abgesehen) ethisch nicht vertretbar.


Sind die propagierten Ziele der "Handaufzucht" überhaupt erreichbar ?

Unbestreitbar wird ein handaufgezogener Vogel zunächst beim Besitzer/Käufer in der Regel Begeisterung auslösen, weil er ihm gegenüber keinerlei Scheu zeigt. Der Vogel wird den Besitzer als "Partner" akzeptieren und für vielfältige Interaktionen zur Verfügung stehen. Das Ziel, einen unproblematischen "zahmen" Vogel zu erhalten, ist also erreichbar ? Für die Zeitspanne bis zum Eintritt der Geschlechtsreife (je nach Art 2 - 6 Jahre) trifft dies zweifellos zu. Doch spätestens ab diesem Zeitpunkt treten zumeist "Disharmonien" zwischen Mensch und Papagei auf, die sich oft in zunehmend aggressivem Verhalten des Vogels äußern. Insbesondere auf den Ersatzpartner Mensch gerichtete Hypertrophien des ***ualverhaltens (u.a. Droh- und Imponierverhalten, Kopulationsversuche, Beiß- und Flugattacken) sind nicht selten. Fazit: Die propagierten Ziele können in der überwiegenden Mehrzahl nur für einen begrenzten Zeitraum (temporär) als erreichbar angesehen werden.


Warum sind die propagierten Ziele der "Handaufzucht" nur für eine befristete Zeitspanne erreichbar?

Um diese Frage beantworten zu können, ist eine nähere Befassung mit den Mechanismen der "Prägung" und "Sozialisation" erforderlich. Die sensibelste Prägungsphase eines Jungvogels ist die Nestlingszeit und die sich daran anschließende Juvenilphase. Die Lernvorgänge der sog. "Prägung" sind nicht reversibel ( also später nicht mehr umkehrbar) und bleiben für immer festgelegt. So "verankert" der während einer Naturbrut bestehende ständige Kontakt mit den Elternvögeln beispielsweise die ***uelle Prägung auf die eigene Art als ausschließliches Objekt späterer Triebhandlungen. Steht (bei "Handaufzuchten") nur der Mensch als "Elternteil" zur Verfügung, erfolgt die ***uelle Prägung auf den (artfremden) Mensch. Selbst dann, wenn späterhin einem handaufgezogenen Einzelvogel ein artgleicher Partner zugesellt wird (Anmerkung: Zumindest paarweise Haltung sollte Pflicht sein), wird sich an der Fixierung auf den Mensch als "***ualpartner" (mit allen negativen Folgeerscheinungen) nichts ändern. Das Phänomen der ***uellen Prägung (***ual imprinting) ist seit langer Zeit bekannt und müsste schon für sich genommen jeden verantwortungsvollen Züchter davon abhalten, "Handaufzuchten" zu praktizieren. Doch nicht nur die ***uelle Prägung, sondern die Prägung auf artgleiche Individuen überhaupt, ist ein essentieller Faktor für ein funktionables Zusammenleben mit arteigenen Individuen im Sozialverband.


Bei "Handaufzuchten" werden den Nestlingen und Jungvögeln (ob absichtlich oder nicht bedarf in diesem Zusammenhang keiner Erörterung) methodisch gleichzusetzen mit einem "Erfahrungsentzug***periment" (deprivation experiment) während der Verhaltensontogenese Erfahrungsmöglichkeiten entzogen, die eine arteigene Anpassung aufgrund von "Lernen" ermöglichen würden. Konkret: Die Sinneswahrnehmungen der Nestlinge sind in den ersten Tagen auf das "Fühlen" begrenzt. Sie fühlen die Polsterung der Nisthöhle, die bei manchen Arten zusätzlich mit Daunengefieder "komplettiert" wird. Sie fühlen den Hautkontakt mit anderen Nestlingen. Sie fühlen die wärmende Henne. Sie fühlen die Schnabelberührung, die das Schnabelsperren auslöst. Selbst mit noch so viel Mühe und technischem Aufwand (perfektionierte Aufzuchtbehältnisse mit Wärmestrahler) kann der Mensch diese Gegebenheiten nur unzureichend simulieren.


Wenn nach einiger Zeit die Wahrnehmungen "Sehen" und "Hören" hinzukommen, erreicht die Problematik der "Handaufzucht" eine weitere Dimension. Die zuvor spontan und ungerichtet geäußerten Bettellaute der Nestlinge werden jetzt durch Berührung (Fühlen) und Laute der Elterntiere (Hören) ausgelöst. Bei manchen Arten (so z.B. Amazona amazonica) werden von den Elternvögeln auch Beruhigungs- und Beschwichtigungslaute eingesetzt. Dieses innerartliche - jeweils in biologisch funktionalen Zusammenhängen stehende - Lautäußerungsrepertoire mit allen Situationsbezügen wird den "Handaufzuchten" als "Lernpotenzial" vorenthalten. Jede Verschiedenheit der Bedingungen (Lernsituation) unter denen zwei genetisch gleiche Individuen heranwachsen, hat eine Verschiedenheit ihrer Eigenschaften, bzw. das spätere Fehlen von (teilweise arterhaltend notwendigen) Eigenschaften zur Folge.


Fazit: Durch "Handaufzucht" fehlgeprägte Vögel sind zumeist nicht mehr in der Lage, Verpaarungen mit Artgenossen einzugehen. Die paarweise Haltung und Weiterzucht gelingt nur noch in seltenen Fällen und unter größten Schwierigkeiten. Bei Eintritt der Geschlechtsreife kommt es unweigerlich zu Verhaltensauffälligkeiten, die kaum zu beeinflussen sind. Die Palette der (vorprogrammierten) Verhaltensstörungen reicht von Federrupfen bis Hyperagressivität.


Warum nimmt die Zahl der "Handaufzuchten" trotzdem zu ?

Der Wunsch vieler Kaufinteressenten, einen "superzahmen" Jungvogel zu erhalten, erzeugt bei gleichzeitig vorhandenen Informationsdefiziten bezüglich der negativen Auswirkungen von "Handaufzuchten", einen in ökonomischer (monetärer) Hinsicht hochinteressanten Markt. "Handaufzuchten" werden mit der Begründung des hohen Aufwandes und der vorgeblich besseren Eigenschaften ("zahm", "superzahm") zu Preisen angeboten, die erheblich über denen von Naturbruten liegen. Manche Züchter erhöhen den Umsatz (Gewinn) zusätzlich dadurch, dass sie die Elterntiere durch wiederholtes Entnehmen der Gelege zu erneuter Paarung und Eiablage anregen. Auf diese Weise werden noch mehr Eier (und somit Jungtiere) "produziert", als dies dem biologischen Zyklus entspräche. Die steigende Nachfrage nach "zahmen" Vögeln führt zu einem kontinuierlichen Anstieg des Angebots an "Handaufzuchten". Fazit: "Handaufzuchten" sind ein lohnendes Geschäft. In der Regel werden potenzielle Käufer nicht über die negative Seite aufgeklärt. Eine ehrliche Aufklärung breiter Käuferschichten würde den Fortgang der lukrativen Geschäfte beeinträchtigen.


Können "Handaufzuchten" zur Verminderung der Importe von Wildvögeln beitragen ?

Jede Nachzucht trägt vordergründig zur Verminderung der Importe bei. Zu bedenken ist allerdings, dass "Handaufzuchten" selbst zur weiteren Reproduktion nur noch in seltensten Fällen in der Lage sind. Daher sollte der Bedarf durch Naturbruten gedeckt werden.


Ausblick:

Letztlich könnte nur eine Änderung der gesetzlichen Rahmenbedingungen, wie im Differenzierungsprotokoll zu dem Gutachten "Mindestanforderungen an die Haltung von Papageien" vom 10. Ja. 1995 (Bundesmin. f. Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft) vom Mitunterzeichner H. Brücher unter Pkt. 3 gefordert (Textauszug: "Handaufzucht und Kunstbrut dürfen nur bei Jungvögeln, die von ihren Eltern nicht erfolgreich aufgezogen werden, durchgeführt werden.") Abhilfe schaffen. Gleichwohl sollte es jedem verantwortungsvollen Halter und Züchter Verpflichtung sein, konstant auf die negativen Folgen der "Handaufzucht" hinzuweisen.


Copyright des Textes: Volker Munkes
V.Munkes@lkwnd.de

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Letzte Änderung des Artikels: 2011-09-13 00:18
Verfasser des Artikels: Vogelfreund
Revision: 1.2

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