Papageien und Sittiche

ID #1048

Handaufzuchten, Naturbruten oder Wildfänge?

 

von doris

 


Grundsätzlich ist bei den im Handel oder bei Züchtern erhältlichen Papageien zwischen drei Aufzuchtmethoden beziehungsweise Herkunftsformen zu unterscheiden: Handaufzuchten, Naturbruten und Wildfänge. Die Entscheidung, welche Variante man auswählt, mag für Neulinge vielleicht eher nebensächlich klingen, ist aber in der Praxis eine der wichtigsten Entscheidungen beim Papageienkauf. Nehmen Sie sich daher am besten viel Zeit und lassen Sie sich die verschiedenen Argumente oder Vor- und Nachteile durch den Kopf gehen.

Handaufzuchten

Handaufzuchten sind Vögel, die am ersten Lebenstag oder in den ersten Lebenswochen vom Menschen aus dem Nistkasten geholt wurden und isoliert von ihren Eltern aufwuchsen. Die Küken wurden mit Ersatzfutter per Spritze oder Löffel von Hand großgezogen, meist mit der Absicht, zahme Stubenvögel für die spätere "Wohnzimmerhaltung" zu erzielen. Es ist zwar richtig, dass es gelegentlich vorkommen kann, dass die Handaufzucht die einzige Rettungsmöglichkeit für die Jungvögel darstellt (zum Beispiel beim Tod eines Elterntieres oder anderen Störungen im Brutablauf), bei den meisten handaufgezogenen Papageien, die heute ge- und verkauft werden, ist dies aber nicht der Fall. In der Regel liegt eine planmäßige Vorgehensweise bei der Handaufzucht vor, die bereits vor dem Schlupf der Küken festgelegt wurde.

Grundsätzlich ist zwischen der isolierten Handaufzucht eines Nestlings und der Handaufzucht einer Geschwister- oder Jungvogelgruppe zu unterscheiden. Wichtig ist das insofern, als dass isolierte Handaufzuchten oft schwerwiegende Beeinträchtigungen im Bezug auf ihr Sozialverhalten erleiden, die unter Umständen den ganzen Lebenslauf der Tiere beeinflussen können. Eine "Resozialisation" solcher Papageien, die während ihrer Jugendphase keinen einzigen anderen Vogel zu Gesicht bekommen haben und häufig allein den Menschen als Sozialpartner annehmen, ist meist schwierig und erfordert sehr viel Geduld. Diese Art der Handaufzucht sollte daher ausschließlich dem Notfall vorbehalten bleiben. Die zweite Form der Handaufzucht, also die Aufzucht einer kleinen Gruppe von Nestlingen, ist eine wesentlich bessere Möglichkeit, aber auch sie ist im Vergleich zur weiter unten aufgeführten Naturbrut mit Risiken und Nachteilen auf Seiten der Papageien behaftet.

Ziel der Handaufzucht ist es, von vornherein menschenfixierte Papageien zu "produzieren", die den Pfleger auch nach der Vergesellschaftung mit einem Artgenossen in ihr Sozialleben mit einbeziehen. Der Käufer wünscht sich in der Regel "streichelzahme Haustiere" für die "Wohnzimmerhaltung", die ohne eine Beeinflussung des Verhaltens der gepflegten Vögel in Richtung Zahmheit und "Umgänglichkeit" nicht möglich wäre. Um diesen Zustand von scheinbar vollkommen an die Wohnzimmerbedingungen angepassten Papageien zu erreichen, ist die Handaufzucht eine für die entsprechenden Tierhalterkreise sehr "bequeme" und erwünschte Lösung, da handaufgezogene Vögel bereits "vorgezähmt" zum künftigen Besitzer kommen. (Groß-) Papageien sind dabei allerdings keinesfalls als Haustiere, sondern durchweg als nicht-domestizierte Wildtiere zu betrachten, deren Gefangenschaftshaltung sich in aller Regel an Maßstäben orientieren sollte, die ihnen das Ausleben ihres artgemäßen Sozialverhaltens ermöglichen. Die Handaufzucht kommt dem in keinster Weise entgegen, da hier einerseits den Elterntieren die selbständige Aufzucht und Betreuung des eigenen Nachwuchses verwährt bleibt, und andererseits den Jungvögeln der Kontakt zu den Eltern und das Aufwachsen im Familienverband aus vergleichsweise trivialen Gründen (Zahmheit gegenüber dem Menschen) nicht gestattet wird. Darüber hinaus ist es sehr fragwürdig, ob die erwähnten Zielsetzungen der planmäßigen Handaufzucht (sehr enge Tier-Mensch-Beziehung, Haltung von Großpapageien als "gefiederte Familienmitglieder" in direkter Umgebung des Menschens) generell kritiklos als erstrebenswert oder "tierfreundlich" eingestuft werden können, da solche Haltungsformen, die vorrangig auf der Zahmheit der Tiere aufgebaut sind und die Handaufzucht somit überhaupt erst als "notwendig" erscheinen lassen, sehr häufig weitreichende Einschränkungen für die gehaltenen Papageien bedeuten.

Die jungen Papageien werden bereits von Klein an auf ihre spätere "Rolle" als gefiederte Hausgenossen und Ansprechpartner "vorbereitet", in die sie ohne solche Maßnahmen in der Regel kaum passen würden. Fest verpaarte Vögel aus Naturbrut, die nie zuvor einzeln gehalten oder intensiven Zähmungsversuchen unterzogen wurden, zeigen in der Regel keine Ambitionen, den Menschen als "Paar-" oder "Schwarmmitglied" anzuerkennen und mit ihm in näheren (Körper-) Kontakt zu treten. Sie kraulen sich normalerweise gegenseitig, anstatt den Menschen dazu aufzufordern und verbringen viel Zeit mit ihrem Partner (oder bei Gruppenhaltung mit dem Rest des Sozialverbandes), anstatt auf ihren menschlichen Betreuer zu warten. Die Handaufzucht kann grob gesehen oft als der Gipfel dessen betrachtet werden, was der Mensch versucht, um die gehaltenen Papageien seinen Wünschen und Vorstellungen anzupassen. Anstatt zu akzeptieren, dass Großpapageien durch ihr komplexes Wesen und ihren nicht zu unterschätzenden Platzbedarf für "Wohnzimmerhaltungen" in der Regel gänzlich ungeeignet sind und eher in eigenen Räumlichkeiten in Paaren oder Kleingruppen gepflegt werden sollten, werden Küken aus den Nestern genommen und per Hand großgezogen, um sie dennoch als scheinbar "problemlose" und "drollige" Haustiere verkaufen zu können. Diese Situation kann etwas drastischer formuliert mit der früher weitläufigen Praxis des Flügelbeschneidens (Kürzen der Schwingen, um einen Papagei flugunfähig zu machen) verglichen werden, wo anstatt zu geeigneteren Unterbringungsmöglichkeiten eher zur Schere gegriffen wurde, die Papageien sich also den Haltungsbedingungen anzupassen hatten, anstatt umgekehrt.

Bei manchen Papageienarten (insbesondere Amazonen, Aras und andere Papageien, die während der Brutzeit ein stark ausgeprägtes Revierverteidigungsverhalten zeigen) ist das Erreichen dieser Zahmheit und engen Tier-Mensch-Beziehung allerdings häufig nicht auf Dauer möglich. Mit Eintritt der Geschlechtsreife (bei Amazonen und anderen mittelgroßen Papageienarten etwa im Alter von 3 Jahren, bei Großaras im Alter von ungefähr 5-7 Jahren) zeigen Papageien auch in der Wohnungshaltung oft auffällige Verhaltensänderungen, die sich in vermehrter Aggressivität gegenüber den Menschen und anderen "Eindringlingen" äußern. Nicht selten scheitert die Haltung im direkten Wohnbereich bei solchen Arten, für die dieses zeitweise aggressivere Verhalten grundsätzlich zum natürlichen Verhaltensinventar gehört (es sich dabei also keinesfalls um eine Verhaltensstörung handelt, die "therapiert" werden müsste), an dieser Tatsache. Der Glaube, Handaufzuchten seien von solchen Problemen ausgenommen, erweist sich häufig als falsch, da gerade handaufgezogene Papageien keine Scheu oder Zurückhaltung vor dem Menschen kennen - in "guten" wie in "schlechten" Zeiten. Das bedeutet, dass es durchaus vorkommen kann, dass Naturbruten eher noch eine Art "Respektabstand" einhalten, während Handaufzuchten oder andere vollständig gezähmte Vögel den direkten Kontakt nicht scheuen. Zusätzlich zu den bereits erwähnten Problemen der Handaufzucht (starke Beeinflussung des Sozialverhaltens und der Jugendentwicklung, meist anschließende "Wohnzimmerhaltung" unter unzureichenden Bedingungen) kommt also bei den betreffenden Papageienarten stets ein gewisses Risiko hinzu, dass das anfänglich unproblematische Zusammenleben von Mensch und Papagei nach einigen Jahren in dieser Ausprägung eventuell nicht mehr möglich ist, insofern man sich nicht spätestens dann in den eigenen Vorstellungen und Wünschen "umorientiert".

Die Handaufzucht nimmt nichts desto trotz mittlerweile einen besorgniserregenden Umfang an, da es heute bei manchen, in Heimtierhaltungskreisen besonders "gefragten" Arten sehr schwierig sein kann, Naturbruten zu erwerben, weil sich die "Produzenten" (Züchter, Händler) weitgehendst an die Marktlage angepasst haben. Viele Papageienhalter erwerben Handaufzuchten, ohne sich zuvor eingehend mit dieser Materie zu beschäftigen, da das Angebot bei Züchtern oder Händlern teilweise bereits sehr einseitig gestaltet ist. So können mittlerweile aufgrund der großen Nachfrage für handaufgezogene Tiere ungleich höhere Preise verlangt werden, als dies bei Naturbruten der Fall ist, sodass aus der Handaufzucht in der Zwischenzeit in ein gewinnträchtiges Geschäft geworden ist, auf das viele - auch wenn sich selbst in Züchterverbänden immer mehr Menschen gegen die planmäßige Handaufzucht aussprechen - nicht verzichten möchten.

Will man die Papageienhaltung so gut wie möglich auf die Bedürfnisse der Vögel ausrichten, sollte feststehen, dass dies natürlich vorrangig durch die Aufzucht durch die eigenen Eltern zu erreichen ist. Die Handaufzucht kann lediglich dann verantwortbar und im Sinne der Papageien sein, wenn es sich um eine der oben genannten Notfallsituationen handelt und eine Ammenaufzucht durch ein anderes Papageienpaar nicht möglich ist. Informationen zur Praxis der Handaufzucht finden Sie in den FAQ-Foren unter dem Beitrag "Die Handaufzucht". Jungvögel, die unter diesen Umständen handaufgezogen werden mussten, sollten direkt nach der Entwöhnung in eine Gruppe artgleicher Vögel integriert werden, wo sie sich im positivsten Fall einen Partner suchen und vom Menschen mehr und mehr unabhängig werden.

Naturbruten

Als Naturbruten werden Papageien bezeichnet, die ohne Einmischung des Menschens bei ihren Eltern in der Nisthöhle aufwuchsen und ausschließlich von ihnen mit Nahrung versorgt wurden. Diese Tiere kennen den Pfleger nur durch regelmäßig durchgeführte Nistkastenkontrollen und weisen daher keine Fixierung auf eine bestimmte Bezugsperson auf. Nach dem Ausfliegen verbleiben sie in der Regel noch einige Zeit im Geschwisterverband, bis sie letztendlich entweder in einer kleineren Gruppe von Artgenossen einen Partner finden oder ihnen gezielt jeweils ein blutsfremder Partnervogel hinzugesellt wird. Im Idealfall sind die Tiere also nie von anderen Papageien getrennt und erfüllen ihr Bedürfnis nach Sozialkontakt ausschließlich durch Artgenossen.

Die Vorteile dieser Aufzuchtsform liegen klar auf der Hand. Einerseits ist es sicherlich sehr positiv, wenn die Elterntiere ihrem Brutgeschäft naturgemäß nachgehen können, und nicht wie bei der planmäßigen Handaufzucht lediglich die "Eiproduzenten" oder "Brutmaschinen" spielen müssen. Gerade für Papageien mit ihrer großen Intelligenz und ihrem ausgeprägten Sozialleben dürfte es nicht unbedingt eine erfreuliche Angelegenheit sein, wenn ihnen ihre Jungvögel bereits nach so kurzer Zeit entnommen werden, und das wohlgemerkt ohne zwingenden Grund ("Notfall-Handaufzuchten", die bei sachgemäßer Durchführung sicherlich ihre Berechtigung haben, ausgenommen). Außerdem ist das weitere Leben von Jungvögeln aus Naturbrut sicherlich mit weniger Problemen behaftet, da sie ein Besitzerwechsel oder vorübergehender Zeitmangel des künftigen Pflegers kaum stark beeinträchtigt, da sie den Menschen eher als "Betreuer", und nicht etwa als zwingend benötigten "Spielkameraden" betrachten. Sie sind in ihren Tagesaktivitäten und in ihrem Sozialverhalten, insofern keine intensiven Zähmungsversuche erfolgen und ein adäquates Haltungssystem vorliegt, in keinster Weise vom Menschen abhängig.

Es kann nur dazu geraten werden, keine sehr enge Tier-Mensch-Beziehung anzustreben und die gehaltenen Vögel noch Papageien sein zu lassen, anstatt sie zu "Haustieren" und "gefiederten Spaßvögeln" zu degradieren. Papageien, die in eigenen Gehegen, Innenräumen oder kombinierten Freianlagen unter ihresgleichen ohne starke Bindung zum Pfleger leben, werden im Normalfall ein wesentlich ausgeglicheneres Wesen zeigen als solche, die Tag für Tag in einem Käfig oder in einer kleinen Zimmervoliere sitzen und nur darauf warten, dass ihre Besitzer von der Arbeit kommen, ihnen Aufmerksamkeit schenken und etwas mehr Bewegungsfreiheit durch zeitlich begrenzte Freiflüge in der Wohnung gewähren. Papageien brauchen rund um die Uhr sozialen Kontakt und Unterhaltung. Da ein Mensch das ohnehin nie bieten kann, ist es generell eher negativ als segensreich, wenn die Papageien in dieser Hinsicht auf den Menschen angewiesen sind. Das Verhältnis von Naturbruten zum Menschen kann in den meisten Fällen als ausgeglichen und "gesund" bezeichnet werden, da diese Vögel den Pfleger zwar akzeptieren und nach der Eingewöhnungsphase normalerweise keine Scheu vor ihm zeigen, in ihm aber keinen "Ersatzpartner" oder zusätzlichen Sozialpartner sehen. Diese Verhaltensweisen beschränken sich bei Papageien aus Naturbrut in der Regel auf Artgenossen, die dafür natürlich wesentlich besser geeignet sind als der Mensch.

Wildfänge

Wildfänge sind Papageien, die aus ihren natürlichen Verbreitungsgebieten gefangen wurden. Leider ist selbst heute noch, wo immer mehr Nachzuchten in Menschenobhut erfolgen und der "Bedarf" eigentlich längst gedeckt sein sollte, der Massenimport solcher Vögel erlaubt. Als einziges Argument für den Kauf von Wildfängen kann wohl genannt werden, dass der Kaufpreis in der Regel weit unter dem Preis einer Nachzucht liegt. Da es aber sehr fragwürdig ist, ob alleine der Kaufpreis diese Form des Papageienhandels rechtfertigt, ist dieses Argument zu vernachlässigen. Tatsache ist also, dass es keinen vernünftigen Grund gibt, als Privathalter oder -züchter auf Wildfänge zurückzugreifen, da zumindest die "gängigen" Arten heute in ausreichender Anzahl gezüchtet werden. Anders sieht es eventuell bei Arten aus, die in Menschenobhut bislang nur sehr selten anzutreffen sind. Der Aufbau eines Zuchtstammes sollte in diesem Fall aber unbedingt spezialisierten Züchtern mit Erfahrung überlassen werden, damit in Zukunft auf den Import solcher Vögel verzichtet werden kann. Außerdem kann selbst eine begrenzte Einfuhr zu diesem Zweck nur dann verantwortbar sein, wenn sich die Zustände bei Fang und Transport wesentlich bessern.

Die Nachteile in Sachen Wildvogelhandel sind offensichtlich und überwiegen vermeintliche "Vorteile" (insofern solche überhaupt existieren) bei Weitem. Es bedeutet für jeden einzelnen Vogel eine kaum vorstellbare Qual, auf diese Art und Weise aus der bisher gewohnten Umgebung und dem Sozialverband herausgerissen zu werden. Die Papageien werden häufig im Nestlingsalter direkt aus den Baumhöhlen gefangen. Die Fänger erklimmen dazu den Baum und angeln mit Hilfe von Drähten und Schnüren die Jungvögel aus dem Nest heraus, verstauen sie in einem Sack und schaffen sie nach Hause, wo sie bis zum Verkauf an den nächsten Händler noch von Hand weitergefüttert werden müssen. Diese Fütterungen erfolgen meist mit nur wenig Einfühlungsvermögen und Vorsicht, weshalb leider alleine dabei bereits etliche Tiere den Erstickungstod erleiden (wenn der Futterbrei anstatt in die Speiseröhre brutal in die Luftröhre gespritzt wird) oder durch schwerwiegende Verdauungsprobleme und Kropfverletzungen eingehen. Immer häufiger kommt es auch vor, dass gut organisierte Vogelfänger die Brutbäume der Papageien mit Motorsägen zu Fall bringen, die Höhlen mit einer Axt aufhacken und die Jungen entnehmen, insofern sie noch nicht durch den Sturz des Baumes getötet wurden. Diese Fangpraktik hat nicht nur für die Papageien, die zu diesem Zeitpunkt die Höhle benutzen, sondern auch für die gesamte Restpopulation in diesem Gebiet negative Folgen. Denn geeignete Brutbäume stehen nirgendwo im Überfluss zur Verfügung, sodass eine Art durch das vermehrte Fällen der Bäume nachhaltig in ihrem Bestand gefährdet werden kann. Die Todesrate ist selbst bei Jungtieren bereits unvorstellbar hoch, den Alttieren ergeht es aber kaum besser.

Adulte Papageien werden häufig mit Leimruten gefangen. Die bevorzugten Sitzplätze und Schlafbäume der Vögel werden dazu mit einer klebrigen Substanz bestrichen, oft wird zusätzlich ein angebundener flugunfähiger Lockvogel als Köder verwendet. Beim Anfliegen dieser Plätze bleiben die Papageien an der klebrigen Unterlage haften und können sich nicht mehr aus eigener Kraft befreien. Bei den verzweifelten Befreiungsanstrengungen der Vögel kommt es regelmäßig zu Beinbrüchen, Flügelverletzungen und in der Folge auch zu Todesfällen durch Schockeinwirkungen. Neben dieser Methode ist auch der Fang mit dünnmaschigen Netzen, die von den Tieren erst wahrgenommen werden, wenn es bereits zu spät ist und sie sich darin verheddert haben, weit verbreitet. Wer denkt, mit dem Fang wäre das größte Leid der Tiere vorbei, der irrt sich jedoch gewaltig. Die nächste Station, die die Vögel durchlaufen, ist meist der ortsansässige Vogelhändler, der die Tiere dann wiederum an den Exporteur weitergibt. Auch diese Transporte überlebt ein Teil der Papageien nicht, da auch hier selten Wert auf genügend Platz, Futter und Wasser gelegt wird. In der Regel werden die Vögel zu jeweils mehreren Exemplaren in winzige Boxen oder Drahtkäfige gepfercht, wo nicht einmal das Ausstrecken eines Flügels möglich ist. Vom Exporteur geht es per Flugzeug weiter in das Bestimmungsland, wo erneut etliche Tiere ihr Leben lassen. Anschließend erfolgt eine Quarantäne mit routinemäßig durchgeführter Antibiotikabehandlung, die ebenfalls ein großes Risiko bedeutet. Viele Papageien sind gesundheitlich bereits sehr stark angeschlagen, sodass sie eine Behandlung mit starken Antibiotika und die beengten Haltungsbedingungen in der Quarantänestation nicht mehr verkraften.

Schätzungen von Tier- und Artenschutzorganisationen gehen davon aus, dass je nach Papageienart, Fangmethode und Quarantänedauer zwischen 2 und 10 Vögel sterben, bis ein lebender in den Handel gelangt. Häufig haben die Überlebenden ihre Partnervögel, Jungvögel oder Schwarmmitglieder, insofern diese ebenfalls gefangen wurden, sterben sehen und sind selbst nur knapp dem Tod entgangen. Der Papageienhandel mit dieser hohen Sterberate ist lediglich deshalb für die Händler lohnend, weil sie die Fänger im Ursprungsland - meist stark verarmte Einheimische - mit Hungerlöhnen abbezahlen können und für die verkaufsfähigen Tiere schnell Interessenten im Importland finden.

Neben den stark negativen Folgen für die einzelnen Tiere gibt es aber noch weitreichendere Probleme. Bestände vieler Papageienarten sind heute bereits im Abnehmen begriffen oder sehr instabil. Jedes Tier, welches für Haltungszwecke aus dem Freiland gefangen wird, bedeutet natürlich einen weiteren Aderlass für solche Populationen. Kommen dann noch andere Ursachen wie die vermehrte Lebensraumzerstörung durch Abholzung der Wälder und Umwandlung der natürlichen Gebiete in große Landwirtschaftsflächen hinzu, kann eine Art schnell an den Rand des Aussterbens gedrängt werden. Bei Papageien sind diese Auswirkungen leider bereits stark zu spüren. Von allen 320-350 existierenden Papageienarten stehen lediglich 3, nämlich Wellensittich (Melopsittacus undulatus), Nymphensittich (Nymphicus hollandicus) und Halsbandsittich (Psittacula krameri) nicht auf den Anhängen I oder II des Washingtoner Artenschutzabkommens (WA).

Jeder Kauf eines wildgefangenen Papageien kurbelt leider den Handel nur noch weiter an, weshalb es derzeit (solange es keine Bestimmungen gibt, die den weiteren Import untersagen) die tierfreundlichste Entscheidung ist, Verkäufer von Wildfängen zu meiden und ihnen keinen Absatzmarkt zu bieten. Dass dies den Vögeln, die bereits in den Verkaufsräumen sitzen, nur wenig hilft, ist eine Tatsache. Eine wirkliche Lösung des Dilemmas kann deshalb einzig und allein ein gesetzlicher Importstop bringen, auf den man in Europa bislang leider vergeblich wartet.

 

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Letzte Änderung des Artikels: 2011-09-12 23:51
Verfasser des Artikels: Doris
Revision: 1.2

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